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Zellkulturverfahren - wirklich ohne Leid für das Tier?von Carlo Jochemsaus European Vegetarian, Ausgabe 2-3/2000 |
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Zellkulturverfahren stellen eine Form der praktizierten Forschung in den Bereichen Wissenschaft, Medizin und bei Toxizitätstests dar, bei der lebende Tiere nicht zur Verwendung kommen. Zumindest ist dies die gängige Meinung in der Bevölkerung. Stimmt das jedoch? Die Antwort ist ein zweifaches NEIN! Die Tötung von Tieren zur Gewinnung von Gewebe Zunächst müssen mehrere Tiere zum Zwecke der Zellgewinnung getötet werden. So betrug z. B. in Frankreich die Zahl der für die Gewinnung von Zellen, Geweben und Organen für Kulturverfahren getöteten Tiere 111 792 im Jahre 1993; in den Niederlanden waren es 1995 114 012. Glücklicherweise können Zellreihen über sehr viel mehr Generationen in Plastikflaschen heranwachsen als dies die Zellen in dem ursprünglichen Tier tun würden, so dass letztlich weniger lebende Tiere benutzt werden. Gewinnung des Blutes ungeborener Kälber Um Zellen, Gewebe oder Organe in einer Plastikflasche zu züchten, muss man für gute Wachstumsbedingungen für diese Zellen sorgen. Dies geschieht durch die Zugabe sogenannter Nährböden zu solchen Zellen, häufig in Kombination mit Serum von Kälberföten (fetal bovine serum - im folgenden FBS abgekürzt). Das Serum von Kälberföten enthält viele Substanzen, die von den gezüchteten Zellen zum angemessenen Wachstum und Leben benötigt werden. Unter Serum versteht man Blut ohne Zellen und Gerinnungsfaktoren. FBS ist das Serum eines ungeborenen Kalbes, d.h. eines Rinderföten. Es wird in großem Umfang sowohl in der Forschung als auch in der Industrie (einschließlich der Biowissenschaft) benutzt, was Serum von Kälberföten zu einem kommerziell interessanten Produkt macht. Lassen Sie uns seine Herkunft, bevor es in sterilen Plastikflaschen an die Zellkulturlaboratorien geliefert wird, genauer betrachten. Serum von Rinderföten bezieht man aus solchen Gebieten der Welt, in denen Viehwirtschaft in großem Umfang betrieben wird (z. B. in Australien, dem französischen Loire-Tal, dem amerikanischen Kontinent), d.h. es handelt sich hierbei um Herden, in welchen Kühe und Bullen frei nebeneinander umherlaufen können. Bullen bezieht man in Kuhherden zwecks Mithilfe beim Zusammenhalten der Herde ein, ebenso wie Hunde eine Schafherde zusammenhalten. Hieraus erfolgt jedoch, dass bis zum Zeitpunkt des Schlachtens der Tiere mehrere Kühe trächtig geworden sind (die gesamte Herde wird der Schlachtung überführt, wenn das Durchschnittsalter der Kühe etwa zwei Jahre beträgt). Dies ist die allgemeine Praxis, ob eine Kuh trächtig ist oder nicht, ist schlichtweg kein Thema! So werden nach Ankunft im Schlachthof alle Kühe, einschließlich der trächtigen, geschlachtet. Während der Entfernung der inneren Organe jeder Kuh auf dem Verarbeitungsband, kann es sein, dass ein Fötus gefunden wird. Dann wird - vorausgesetzt das Schlachthaus verfügt über die entsprechenden Einrichtungen - der gesamte Fortpflanzungstrakt einschließlich des Fötus schnell aus dem toten Körper des Muttertieres entfernt und an einen Ort mit keimfreierer Umgebung gebracht, den sogenannten Kälberverarbeitungsbereich, wo durch nachstehend erwähntes Verfahren sein Blut gewonnen wird. Zunächst wird der Fötus aus dem Uterus herausgeschnitten. Die Nabelschnur wird abgebunden, der Fötus wird vom Fruchtwasser gereinigt und desinfiziert. Dann wird eine Nadel mit einem großen Durchmesser durch die Haut und zwischen die Rippen eingeführt, direkt in das schlagende Herz des nicht anästhesierten Föten. Das Blut wird gewöhnlich unter Vakuum in einen sterilen Blutsammelbeutel über eine Kanüle, die die beiden verbindet, extrahiert. Falls keine Vakuumpumpe vorhanden ist, kann das Blut des Föten durch Gravitation gewonnen werden. Sobald das Blut gewonnen wurde, lässt man es bei niedriger Temperatur gerinnen. Wenn dieser Prozess abgeschlossen ist, wird die geronnene Substanz durch Zentrifugieren unter Kühlung vom Serum getrennt. Danach wird der "entleerte" Fötus zerstört, um sicherzustellen, dass er nicht für den menschlichen Gebrauch benutzt wird. Kälberföten haben bereits vor der Geburt ein Schmerzempfinden Das Herz des Föten muss funktionstüchtig sein, um eine angemessene (wörtlich: wirtschaftlich zufriedenstellende) Menge Blut des Föten für die Produktion von FBS zu erhalten. Wenn das Herz funktioniert, ist der Fötus - laut Definition - lebendig. Jedoch erhält er keinerlei Form von Betäubung bevor er der Herzpunktion ausgesetzt wird, die ein Problem darstellt, weil dies bei Tieren nach der Geburt eine äußerst schmerzhafte Prozedur ist. In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren häufen sich zunehmend wissenschaftliche Daten, die aufzeigen, dass die Föten von Säugetieren (insbesondere solche derjenigen Arten, deren Junge bei der Geburt relativ gut entwickelt sind, wie Rinder, Pferde, Meerschweinchen, Schafe, Ziegen, Schweine) bereits vor der Geburt ein Schmerz- oder körperliches Missempfinden haben. In vor kurzem veröffentlichten Richtlinien bezüglich der humanen schmerzlosen Tötung von Versuchstieren wird ausgesagt, dass solche Tiere Schmerzen oder Missempfinden bereits nach 30% der Trächtigkeitszeit fühlen können. Für einen Kälberfötus bedeutet das ab dem 3. Monat, da die Gesamtdauer der Trächtigkeit neun Monate beträgt. Rinderföten, die zum Zwecke der Gewinnung von FBS benutzt werden, müssen mindestens drei Monate alt sein (ansonsten sind sie einfach zu klein); im allgemeinen sind sie jedoch sechs Monate alt oder älter. So sind alle zur FBS Produktion verwendeten Föten zur Schmerzempfindung fähig, dennoch werden sie niemals anästhesiert! Was noch schlimmer ist, ist die Feststellung, dass die Föten von Säugetieren nicht nur ab einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Entwicklung Schmerz empfinden können; sie sind sogar noch schmerzempfindlicher als erwachsene Tiere! Nach der Geburt vermindert sich diese "Überempfindlichkeit" auf den für ausgewachsene Tiere üblichen Wert, in dem Maße, in dem das Junge älter wird. Abgesehen davon, dass es in sich selbst schon schwierig ist, möglichen Schmerz oder Leiden bei einem Föten festzustellen, wird dies in diesem Falle noch erschwert durch den Sauerstoffmangel beim Föten, - eine Folge der geringen Zeitspanne von wenigen Minuten, die zwischen Schlachtung des Muttertieres und Durchführung der Herzpunktion liegen. Man geht davon aus, dass der Sauerstoffmangel in gewissem Grade Bewusstlosigkeit beim Föten hervorruft, es ist jedoch niemals wissenschaftlich untersucht worden, wie hoch das Ausmaß dieser Bewusstlosigkeit bei einem Kälberföten im Moment der Punktion ist. Die Tatsache, dass Föten von Säugetieren äußerst resistent gegen Sauerstoffmangel sind, macht es zusätzlich kompliziert. Aber auf welche Weise dies alles zum Leid für das Tier beiträgt, weiß keiner! Im Rahmen üblicher Laborforschungsarbeit würde dies bedeuten, dass ein Wissenschaftler, der eine Herzpunktion an einem Rinderföten zum Zwecke der Gewinnung von Serum unter Anwendung des oben beschriebenen Verfahrens durchführen möchte, auf irgendeine Weise eine Betäubung des Föten vor der Durchführung der Punktion in Betracht ziehen muss. Dies versteht man unter angewandter Ethik, da man davon ausgehen muss, dass Wissenschaftler übervorsichtig sind, wo immer dem Tier Leid zugefügt werden mag, und nicht unkundig oder desinteressiert. Dies bewegt sich außerhalb der Frage, ob der Mensch überhaupt das Recht hat, das Tier für menschliche Interessen zu benutzen. Ethische Aspekte Dies stellt ein ethisches Problem dar, welches ein anderes Licht auf seine Verwendung bei sogenannten "alternativen" Methoden zum Ersatz "direkter" Tierversuche wirft. Die meisten Menschen sind gegen die Verletzung oder Benutzung von Tieren in der Forschung in Bereichen wie dekorative Kosmetik, Tabakwaren und Toilettenartikel. Die Blutgewinnung ist in den meisten westlichen Ländern als Verfahren respektiert. Die Anwendung von Seren in Zellkulturen wird niemals ethisch abgewogen, so dass eine Menge Serum - wenn es nicht "fortgeworfen" wird - ohne Beschränkungen durch eine Kommission für Tierethik des betreffenden Instituts - zu Forschungszwecken, z.B. für Make-up Substanzen, benutzt wird. So wird den Tieren durch die gegenwärtige Forschung in den Bereichen dekorative Kosmetik, Tabakwaren und Toilettenartikel immer noch Schmerz zugefügt! Anscheinend gibt es so etwas wie ein contradictio in vitro, wenn es um die Benutzung von FBS in der Züchtung von Zellen als "Alternative" zu Tierversuchen geht. Gemäß der derzeit in Großbritannien gültigen Gesetzgebung bezüglich Tierversuchen würde das oben genannte Verfahren als Tierversuch angesehen werden (dieses Gesetz gilt für alle Föten nachdem 50% der Trächtigkeitsperiode erreicht wurden). Ein FBS Händler sagte offen, dass in einigen mitteleuropäischen Ländern Kälberföten speziell zum Zwecke der Blutgewinnung gezüchtet würden oder worden sind. Pro Jahr beläuft sich der Ertrag auf rund 500 000 Liter, die aus mehr als 1 000 000 Rinderföten weltweit gewonnen werden. Mit Ausnahme einiger weniger kommerzieller Lieferanten sind fast alle sehr zurückhaltend, Informationen über irgendeinen Aspekt der FBS Produktion zur Verfügung zu stellen: nun wissen Sie warum! Alternativen zu FBS Bedenken bezüglich der periodischen Fluktuationen bei Kosten und Verfügbarkeit von Rinderfötenserum, seiner Qualität (Kontaminierungen, Aufrechterhaltung des Zellwachstums, Schmuggel), ungenauer Zusammensetzung (Variationen von Charge zu Charge, Vorkommen von Substanzen mit unbekannter Funktion) und die ethische Problematik fordern die kreative Suche nach Alternativen zum Rinderfötenserum heraus. Zu den Ersatzmöglichkeiten zählen 100% synthetische Nährböden (zelltypspezifisch = hohe Entwicklungskosten), Nährböden mit reduzierter Serummenge (breitere Anwendungsmöglichkeit als synthetische Nährböden), alternative postnatale Seren von Säugetieren wie neugeborene Kälber, Pferde, erwachsene Rinder und Spenderserum von Rindern als Ersatzmittel (mehr Endotoxine und Antikörper vorhanden, insbesondere im Serum neugeborener Kälber), Seren von Pferde- und Schweineföten (andere Zusammensetzung als FBS, dasselbe ethische Problem). Es scheint angemessen zu behaupten, dass 100% synthetische Nährböden die beste zurzeit zur Verfügung stehende Alternative sind. Der kultivierte Zelltyp bestimmt das optimale Serum (Ersatzmittel) und seine Konzentration. Das Wohl des Tieres beim Zellkulturverfahren Was man sich insgesamt in Erinnerung rufen sollte, ist die Tatsache, dass (1) Föten vieler Säugetierarten bereits lange vor dem Augenblick der Geburt Schmerz empfinden können, (2) die Verwendung von Rinderfötenserum ein ethisches Problem darstellt, weil nicht klar ist, in welchem Ausmaß ungeborene Kälber Schmerz bei der Herzpunktion empfinden, abgesehen von der Frage der Benutzung von Tieren für menschliche Interessen überhaupt, (3) die Verwendung anderer Tierseren (wie Spenderseren) auch bestimmte Aspekte bezüglich des Wohls des Tieres im Zusammenhang mit der Arbeit mit Zellkulturen einschließt; ebenso wie (4) das Töten von Tieren zum Zwecke der Zellgewinnung zur Kultur. Zusammenfassend kommt man zu der Schlussfolgerung, dass die Arbeit mit Zellkulturen uns nicht von Überlegungen bezüglich des Wohls des Tieres freimacht, wie dies von vielen für selbstverständlich erachtet wird! Um weitere Informationen zum Thema Rinderfötenserum und seine Alternativen zu erhalten, besuchen Sie unsere Homepage: http://prex.las.vet.uu.nl/nca unter der Option <Dokumente>, die die Zusammenfassung eines Berichts über die Herstellungsmethoden von Tierblutserum und damit verbundene ethische Fragestellungen enthält, sowie eine Version des Berichts, die man herunterladen kann. Sofern sie Akzeptanz findet, wird wahrscheinlich Ende 2000 eine Veröffentlichung zu diesem Thema "das Licht der Welt erblicken" (sie wurde empfangen und befindet sich jetzt im Stadium der fetalen Entwicklung). Das niederländische Zentrum für Alternativen zu Tierversuchen, NCA, überlegt, einen Workshop zu diesem Thema in Zusammenarbeit mit dem europäischen Zentrum für die Anwendbarkeit alternativer Methoden, dem ECVAM (European Centre for the Validation of Alternative Methods) zu organisieren. Da dies das erste Mal ist, dass dieses Thema auf wissenschaftliche Weise berührt wurde, wäre ein Workshop die geeignete Veranstaltung, um zu Entscheidungen bezüglich der Aspekte des Wohls des Tieres bei dieser Form der Verwendung ungeborener Tiere zu gelangen. Carlo E.A. Jochems, Wageningen Agricultural UniversityDijkgraaf 4-12 NL-6708 PG Wageningen Niederlande E-mail: ceajochems@hotmail.com |
Translated by Bettina Alexandra Geßlein